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Der blaue Sari


Mit aller Kraft schlägt Vandana den blauen Sari auf den grossen, flachen Stein am Ufer der weiten Flussbiegung. Jedesmal, wenn sie ausholt, zieht sie die Luft kurz durch die Nase ein, presst sie mit einem scharfen Stöhnen hinaus, wenn sie das lange Tuch wieder nach vorne schwingt. Der himmelblaue Sari, ihr eigener, ist der letzte für heute. Gleich hat sie das Tagewerk vollbracht, einen ganzen Korb voller Schals und Saris für ihre Familie und ihre besten Freundinnen gewaschen. Wenn immer einer der Stoffe sauber und das Wasser aus ihnen hinausgedroschen war, hat sie sie auf dem glatten, sanft gewölbten Felsbuckel zum Trocknen ausgelegt. Noch einmal saust der Sari nach unten. Wie ein Peitschenknall, ein letztes Klatschen.

Vandana streckt und lockert ihre Glieder, blinzelt in die Abendsonne. Gemächlich knüllt sie den Sari zusammen, lässt dabei den Blick über das glitzernde Wasser schweifen. Zwei, drei Äste, zahlreiche Zweige, Blätter und Halme treiben langsam vorbei. Ein heisser Windstoss fährt in die Akazien.

Zufrieden steigt sie zu den trocknenden Stoffen hoch. Für den blauen Sari gibts noch genügend Platz zwischen den zwei roten ihrer Mutter. Sie schüttelt den Knäuel aus, sucht nach einem der Enden des Saris. Da, plötzlich nimmt sie aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahr. Sie hält inne, dreht den Kopf. An der Krete des Felsbuckels wächst etwas Rundes, Dunkles in den tiefblauen Himmel hinein, wird grösser und grösser. Erstaunt und mit zunehmender Beklemmung verfolgt Vandana die fast unmerkliche Bewegung, mit der sich ein tiefschwarzes Wesen aus dem Gestein löst und allmählich männliche Konturen annimmt.

Plötzlich verharrt die Gestalt kerzengerade. Gebannt betrachtet Vandana den alten, hageren Mann, der wie ein Abgesandter des Totenreichs auf sie herunter starrt. Er trägt nichts als ein um die Hüfte geschlungenes Tuch. Über die eine Schulter hat er ein kleineres Tuch gehängt, wodurch die andere Schulter umso knochiger aussieht. Die langen Arme hängen dicht am Körper herunter. Erst nach einer Weile bemerkt sie die Sichel in seiner Rechten.

Die Gesichtszüge der schwarzen Gestalt sind nicht zu erkennen. Trotzdem spürt Vandana die bohrenden Blicke. Sie möchte wegschauen, die Augen schliessen, sich verstecken, diesen Blicken entgehen. Doch der Wille gehorcht ihr nicht. Je länger sie ihren eigenen Blick auf das Schattenantlitz heftet, heften muss, desto heisser wird ihr. Es ist als ob die unsichtbaren Augen dieses Wesens zu glühenden Kohlen würden und sich in ihr Herz brennen wollten.

Mit einem Aufschrei des Schreckens reisst Vandana den Sari über ihr Gesicht, hüllt sich ins blaue Tuch, macht sich so klein wie nur möglich. Sie wagt kaum zu atmen. Es wird heiss und stickig, so stickig, dass sie von einem tiefen Sog erfasst wird und nach einem heftigen Wirbel aus der Welt geschleudert wird und auf einmal mitten in einer warmen, blauen Wolke durchs Weltall schwebt.

„Hallo, Schwester!“ Wie aus weiter Ferne dringen die Worte zu ihr. „Schwester, was ist denn los?“ Nein, diese Stimme klingt ganz nah, jung und besorgt. Das ist kein Ungeheuer, kein Dämon aus der Unterwelt. Vorsichtig zieht sie den Sari vom Gesicht. Es ist düster geworden. Schwere Wolken sind aufgezogen, der Wind zerrt an den Bäumen. Ein kleiner Junge sitzt vor ihr auf einem Stapel Saris. „Wer bist du? Hast du meine Saris zusammengefaltet?“ fragt sie verwirrt, „wie lange bist du schon hier?“ Der Junge steht auf. „Wir müssen schnell weg hier. Gleich bricht der Monsun aus. Es gibt ein heftiges Gewitter. Wir dürfen nicht hier bleiben, es ist zu gefährlich, ein Blitz könnte uns treffen. Komm, Schwester, ich bringe dich in Sicherheit!“ Er packt den Saristapel und geht schnellen Schrittes über die Felsplatte gegen den Hügel hin. Ohne zu überlegen springt Vandana auf und folgt ihm. Schwere Regentropfen klatschen aufs Gestein. Grelles Aufzucken am Himmel, grollender Donner.

Nach kurzer Zeit, gerade noch, bevor der grosse regen mit aller Macht auf das ausgetrocknete Land niederprasselt, erreichen sie eine weite Höhle. „Hier sind wir geschützt, hier können wir das Ende des Gewitters abwarten und die Nacht verbringen.“ meint der Junge und legt den Stoff auf den Boden, „Damit kannst du dir ein Bett machen. Keine Sorge, ich halte Wache.“ Sie zuckt mit den Schultern. Was soll sie schon machen. Draussen tost und tobt es so gewaltig, dass an ein Heimgehen nicht zu denken ist.

Stumm schaut sie dem Regen zu. Nach einer Weile hört sie den Jungen sagen: „Willst du dich nicht schlafen legen? Du bist sicher müde.“ Sie dreht sich um und lächelt den Jungen an. „Da hast recht,“ antwortet sie mit müder Stimme, „ich danke dir.“ Der Junge hilft ihr, aus den Saris ein weiches Nachtlager herzurichten. Dann legt sie sich nieder und schläft sofort ein. Bei Morgengrauen erwacht sie wieder. Der Regen hat etwas nachgelassen, aber es rauscht immer noch und ist recht kühl. Gerade will sie ihren Sari nochmals über die Schultern ziehen und sich auf die Seite drehen, da merkt sie, dass sie ein gelbes Tuch in Händen hält. Irritiert stützt sie sich auf, betrachtet ihr Bett, schaut suchend umher. Nichts, ihr blauer Sari ist nicht in der Höhle.

„Weißt du, wo mein Sari ist?“ Der Junge schreckt auf und reibt sich die Augen. Er sitzt, an die Wand gelehnt, gleich vor dem Ausgang der Höhle. „Dein blauer Sari?“ Er gähnt und steht auf, „Ach ja, dieser Sari ... ich hab ihn in den Fluss geworfen.“ Ungläubig starrt sie ihn an: „Du hast was?“ „In den Fluss geworfen. Er war sowieso noch nicht trocken.“ Dabei grinst er. „Was fällt dir ein? Bist du verrückt geworden? Das war mein Sari, wie kommst du dazu ...? Ein solcher Sari kostet viel Geld, mindestens drei Monate Arbeit, und ich ...“ „Beruhige dich, Schwester,“ unterbricht der Junge beschwichtigend, „bald wirst du Geld für fünf Saris haben. Nur Geduld.“

Verblüfft blickt sie den Jungen an. Was für ein Spiel ist hier im Gange? Warum ist sie dem Kerl überhaupt so willig gefolgt? Warum hat sie, eine junge Frau, ohne das Geringste zu überlegen, eine Nacht in der Wildnis verbracht? Ist sie von allen guten Geistern verlassen, oder verfügt dieser Junge über magische Fähigkeiten, über Zauberkräfte?

Der Junge grinst wieder: „Ich werde dir alles erklären. Fünf Monate Arbeit für einen solchen Sari, sagst du? Gut, dann lohnt es sich für dich, drei Tage hier auszuharren und dann Geld für fünf Saris zu haben. Stimmts?“ Zögernd nickt sie; „Schon, aber drei Tage, meine Familie, mein Dorf ...“ Schon wieder hereingefallen, denkt sie, ich habs doch tatsächlich als Möglichkeit in Betracht gezogen, dass ich drei Tage in dieser Höhle verbringen könnte. Bevor sie aber eine weitere Frage stellen kann, fährt der Junge fort: „Also, das Essen und Trinkwasser besorge ich, du brauchst dich um nichts zu kümmern. Bleib einfach hier und habe Vertrauen. Du wirst sehen.“ Na gut. Sie verzieht ihren Mund zu einem etwas säuerlichen Lächeln und setzt sich neben den Jungen. Mal sehen. Drei Tage lang harrt sie in der Höhle aus. Wie versprochen bringt der Junge jeden Tag, immer zur Mittagszeit, Wasser, Brot, Tomaten, Zwiebeln, Gurken und Früchte.

Am Nachmittag des dritten Tages verschwindet der Junge nochmals und kehrt erst am späten Abend zurück. Mit strahlendem Gesicht legt er Vandana den blauen Sari vor die Füsse. Dann bindet er einen Jute Beutel auf und zählt eine ganze Menge Münzen und Geldscheine auf den Stoff. Schliesslich legt er noch einige Süssigkeiten und Jasmin- und Hibiskusblüten dazu. „Zähle selbst“, fordert er sie auf, „genug für mindestens fünf Saris. Wie ich sagte.! Staunend blickt sie vom Jungen zum glänzenden Häufchen und zurück. „Puuh, das ist vielleicht eine Überraschung. Wie hast du das gemacht? Bitte, jetzt kannst dus ja erzählen.“ Eifrig nickt der Junge. „Gut, werde dir alles berichten, aber versprich mir, dass du mir nicht böse bist!“ Sie runzelt die Stirne. „Keine Angst“, beschwichtigt er sofort, „ich habe dir keinen Ärger beschert, nur ein bisschen ... na, sagen wir, gespielt ... und gewonnen.“ „Schiess schon los!“

„In der ersten Nacht habe ich deinen blauen Sari in den Fluss geworfen. Ich wusste, dass er spätestens zwei Tagesmärsche von hier flussabwärts im Ufergestrüpp hängen bleiben wird. Ich bin am nächsten Morgen in dein Dorf gegangen. Die Leute waren alle zutiefst beunruhigt, weil du am Abend zuvor nicht nach Hause gekommen warst. Ich gesellte mich zu einer Gruppe älterer Frauen, die über dein Fernbleiben rätselten, und habe ihnen gesagt, dass ich dich unmittelbar vor dem Ausbruch des Gewitters in den blauen Sari gehüllt am Wasser sitzen gesehen habe. Da du dein Gesicht verborgen gehabt hättest, hätte ich das Gefühl gehabt, du würdest ein Opfer vorbereiten. Ist ja nicht gelogen, oder? Die Frauen erstarrten vor Angst und wollten mehr wissen. Ich sagte nur, das ich mich so schnell wie möglich vom Wasser entfernte, weil ich die Blitze fürchtete. War auch nicht gelogen. Dann, am nächsten Tag, wie vorausgesehen, hat man den Sari gefunden. Die Leute haben natürlich eins und eins zusammengezählt und sind in grosses Jammern ausgebrochen. Glaube mir, ich konnte mich kaum beherrschen. Noch so gern hätte ich deiner Familie verraten, wo du zu finden wärst. Aber das wäre keine fünf Saris wert gewesen. Um Mitternacht des zweiten Tages ist mein Grossvater ... du weißt schon ... ins Haus des Ältesten gegangen und hat gesagt: ‚Ich habe die Stimmen der Götter Vaju und Tama, der Herrscher des Windes und des Todes, vernommen. Eure Tochter Vandana hat sich geopfert, damit ihr Volk den lang ersehnten Regen erhält. Weil sie ihr Opfer auch uns dargebracht hat, sind wir geneigt, sie dem Volke zurückzugeben. Gehe also hin in ihr Dorf und verkünde dies: Ihr blauer Sari soll den ganzen nächsten Tag über unter dem Banyanbaum ausgebreitet werden. Ihr Dorf und die Dörfer der Umgebung sollen sodann spenden, was ihnen zu spenden möglich ist. Am Abend dann wird der kleine Junge, der Vandana als letztes lebend gesehen hat ... ich, nicht wahr, auch nicht gelogen ... den Sari mit den Opfergaben holen und zu uns bringen. Wenn ihr den Jungen nicht aufhält und ihm auch nicht zu folgen versucht, wird eure Tochter und Schwester am folgenden Tag unversehrt in eure Mitte zurückkehren. Wie du siehst, waren sie nicht geizig.“ Er lacht: „Du warst ihnen doch einiges wert!“

Vandana weiss nicht, ob sie lachen oder schimpfen soll. „Du willst mir weismachen, dass alle im Dorf ohne weiteres daran geglaubt haben, dass ich mich in den Fluss gestürzt habe, dass mein Verschwinden mit dem Ausbruch des Monsuns zusammenhänge und dass man mich einfach von den Göttern zurückkaufen könne?“ Der Junge zieht feixend die Mundwinkel nach unten: „Drei Tage vor deinem verschwinden ist mein Grossvater schon einmal um Mitternacht beim Dorfältesten aufgetaucht und hat verkündet, dass eine Tochter des Dorfes den Monsun bringen werde, dass dies aber einen hohen Preis haben werde. Nun, du hast selbst erlebt, was mein Grossvater für einen Eindruck macht, erst recht mitten in der Nacht. Und dann stand man eben vor den Tatsachen: Regen, die fehlende Tochter, der angeschwemmte Sari. Und morgen werden sie dich wiederhaben.“

Vandana schüttelt nur den Kopf: Zauber, Gaukelei oder einfach Ränkespiel, sie weiss es nicht. Aber sie ist erleichtert, ihr Dorf wird sie mit offenen Armen empfangen, froh sein über die glückliche Heimkehr, die Auferstehung nach dem selbstlosen Opfer. Ja, auch sie wird ihre Geschichte erzählen. Sie habe eine dunkle Gestalt über den Felsen gesehen, einen der Götter wohl, habe dann plötzlich nur noch tiefes Blau gesehen, nicht mehr gespürt, bis ein kleiner Junge vor ihr aufgetaucht sei, mit ihrem blauen Sari, Geld und Blumen. „Und du,“ fragt sie mit einem Augenzwinkern, „gehst wohl mit deinem Anteil zum Grossvater?“ „Genau,“ gibt er zurück, „dann wandern wir nach Norden. Dort, hinter den Bergen sind die Menschen noch viel schreckhafter als hier.“

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