art | aktuelles | biographie | kontakt | links
Prozession


Entschlossen strafft Arun seinen weissen Dhoti. „Los, packen wirs an“, ruft er seinen im Schatten dösenden Freunden zu, „wir müssen die Rathas noch vor dem Abend bereitgestellt haben!“ Einige murren, andere gähnen oder rotzen noch ausgiebig, doch alle wissen, was sie zu tun haben, und so ziehen auch sie die Lendentücher enger und folgen ihrem Anführer. Zwölf Tempelwagen müssen sie für die Prozession in Stand setzen und in einer Reihe vor dem Osttor des Shivatempels auf die Hauptstrasse stellen., darunter den grössten, den Stolz der ganzen Stadt, der so hoch ist wie das Haus des Steuerkommissars und von vier mal acht Männern getragen werden muss. Aruns Platz ist seit zwei Jahren an der Spitze der vorderen Tragstange links. Der Ehrenplatz.

„Holen wir als erstes den Herrn der Rache. Erst mal in Shivas Nähe wird er uns nichts anhaben können, wenn wir etwas falsch machen, beschädigen oder ... schlampen.“ Dabei lacht er den gemächlich schlurfenden Gefährten zu. Der Herr der Rache steht jahrein, jahraus mitten im ummauerten Hof der städtischen Lagerräume. Als Mahnmal für die faulen Beamten, spotten die einen, als Symbol für die Überheblichkeit der Beamten, sagen die andern, als Drohung für all diejenigen, die die Beamten nicht achten, meinen die Beamten. Unerschütterlich trotzt der Herr der Rache der brennenden Sonne wie den prasselnden Wassermassen des Monsun, in seinen Thron gewuchtet, mit spitzen Reisszähnen, wulstigen, zu hämischem Grinsen verzerrten Lippen, Feuerkugeln in den Augenhöhlen und stets erhobenem Schwert. Geschnitzt aus unverwüstlichem Teakholz.

Arun und seine Männer erreichen schwatzend den weiten Hof. Ohne zu zögern schreiten sie auf die mächtige Statue zu. „Halt, wartet“, sagt aber Arun plötzlich und hebt die Hand, „schaut euch das mal an. Was für ein Bild!“

Ein kleiner, etwa dreijähriger Junge steht wie angewurzelt in gebührendem Abstand vor der schrecklichen Gestalt und starrt sie voller Entsetzen an, den Zeigefinger der einen Hand im Mund, die andere Hand krampfhaft das Höschen haltend

Minutenlang betrachten die Männer mühsam das Lachen verkneifend den Knirps, bis Arun sich räuspert und auf den Kleinen zugeht. Über die Schultern zurück wirft er die Mahnung: „Nehmt euch zusammen, Jungs, ihr wart alle mal Hosenscheisser.“ Vor dem Jungen geht er in die Hocke und sagt freundlich: „Na, mein Kleiner, hast wohl Angst vor dem Kerl da, nicht wahr?“ Der Junge schielt Arun nur verschüchtert an, bewegt sich aber kein bisschen. „Hör mal zu, junger Mann, jetzt bin ich hier, jetzt brauchst du dich nicht mehr zu fürchten.“ Der Junge schweigt weiter. „Warum bleibst du denn hier stehen, wenn du soviel Angst hast? Warum gehst du nicht heim zu deiner Mutter? Dort passiert dir doch nichts.“ Jetzt schluckt der Junge, krächzt etwas, blickt Arun zweifelnd an.

„Na, komm schon, mir kannst du doch sagen, was los ist. Ich beschütze dich, Ehrenwort.“ Da regt sich der Junge, nimmt den Finger aus dem Mund, bohrt in der Nase und sagt dann. „Ich muss hier bleiben.“ „So, musst du das? Bis wann denn?“ „Bis es dunkel ist, hat der Mann gesagt.“ Dabei schaut der Junge ängstlich um sich. Arun nickt ihm lächelnd zu: „Keine Bange, dieser Mann ist nicht in der Nähe. Sag mir, was der Mann genau gesagt hat.“ „Ich muss hier stehen bleiben und den hier anschauen, bis es dunkel ist. Wenn ich vorher weggehe, hackt mir dieser hier den Kopf ab.“ Dabei deutet er atemlos auf den Herrn der Rache, „Und dann wird meine Mutter traurig sein ... mein Vater auch ... und meine Schwestern.“

„Das hat der Mann gesagt? Hm? Was war das für ein Mann?“ Der Junge zuckt mit den Schultern. „Warum hat dieser Mann das gesagt?“ Der Junge schaut ihn hilflos an. „Seit wann stehst du hier?“ Keine Antwort. Inzwischen haben Aruns Gefährten einen Halbkreis um die Beiden gebildet und verfolgen gespannt und belustigt das Gespräch. „Das war mit Sicherheit ein Priester.“ meint einer und kriegt zur Antwort: : „Oder du, das wäre dir zuzutrauen.“ Sie beginnen herumzualbern. Da streicht Arun dem Jungen übers Haar und meint: „Also gut, mein kleiner Held, wir lassen diesen hier noch für eine Weile hier stehen. Du setzt dich aber dort drüben in den Schatten. Von dort aus kannst du ihn immer noch sehen. So wird er dir den Kopf nicht abhacken. In Ordnung?“ Nach kurzem Zögern nickt der Junge.

„Bauen wir zuerst den grossen Ratha zusammen!“ Arun klatscht sie Hände zusammen. „In diesem Schuppen sind die einzelnen Statuen und Figuren. Tragen wir sie heraus.“ Mit Verwunderung stellt Arun fest, dass das Scherengitter zum Schuppen schon offen ist. Das Vorhängeschloss liegt geöffnet am Boden. „Schlamperei!“ faucht er kopfschüttelnd und zieht das Gitter ganz zur Seite. Nach einer guten halben Stunde liegen sämtliche für den grossen Prozessionswagen bestimmten Holzfiguren nebeneinander im Staub des Hofs. Mit den Enden der Dhotis wischen sich die Männer den Schweiss von Kopf und Körper. „Das wäre geschafft, holen wir den Wagen!“ Arun aber rührt sich nicht. Mit gerunzelter Stirn und verschränkten Armen steht er vor den Figuren. „Ihr Trottel habt wohl nichts gemerkt, was?“ – „Doch, doch, Boss, mich dünkt, es fehlen mindestens fünf Figuren.“ – „Sechs fehlen, sechs!“

Finsteren Blickes geht er zurück zum Schuppen, ergreift das Vorhängeschloss und kehrt zurück. „Hier stimmt was nicht“, sagt er mit gepresster Stimme, „von diesem Schloss gibt es genau zwei Schlüssel. Einen habe ich hier, der andere hat der Tempelvorsteher. Und der hätte mir etwas gesagt, wenn er diese sechs Figuren schon herausgeholt hätte. Wer also hat den Schuppen geöffnet und die Figuren geklaut? Und wie hat er das gemacht?“ Einer der Männer zieht die Mundwinkel nach unten, zuckt mit den Achseln und meint: „Ach komm, Boss, ein solches Schloss ist doch ein Kinderspiel für einen Profi. Das bringst du mit dem einfachsten Dietrich auf.“ Er klimpert plötzlich mit einem Ring, an dem verschiedene Metallstifte hängen. „Für einen Profi? Hmhm. Yezad, du meinst, dass die Dinger auf dem internationalen Kunstmarkt gelandet sind? Das kann gut sein, in der Tat. Aber wer, verdammt noch mal, macht so was?“ Betretenes Schweigen breitet sich aus.

„Der Hosenscheisser!“ ruft auf einmal einer der Männer. „Spinnst du?“ – „Dem wäre schon dieses Schloss zu schwer:“ – „Die kleinste Figur ist ja grösser als er selbst.“ – „Der Keine dort? Wahrlich der Prototyp eines Kunsträubers!“ – „Ein Mafiaboss mit Windeln!“ - „Armleuchter!“ Mitten ins entbrannte Durcheinander zischt Aruns „Stopp!“ Mit verengten Augen blickt er zum Jungen hinüber. „Genau, der Junge.“ Schnellen Schrittes, gefolgt von den Gefährten, geht er zum brav im Schatten wartenden Jungen hinüber. Dieser schaut ihm angstvoll entgegen. Arun aber lächelt nur, geht wieder in die Hocke und sagt leise: „Keine Angst, Kleiner, wenn du dich jetzt anstrengst, kriegst du ein Geschenk von mir, aber ...“ Unvermittelt hält er inne, steht wieder auf und zieht einen der Männer zu sich heran: „Geh schnell zum Stoffhändler um die Ecke, leih dir ein grosses Tuch aus und verhülle den Herrn der Rache. Mach schon, beeil dich!“

Dann wendet er sich wieder dem Jungen zu: „Also, Kleiner, ... du bist doch schon ein Grosser. Schau mal, alle diese Männer bewundern dich, weil du so brav bist. Bist du doch, oder? Siehst du. Versuche dich zu erinnern: Wo hast du diesen Mann angetroffen? Wo hast du ihn zuerst gesehen? Hier im Hof?“ Der Junge schüttelt den Kof und streckt den Arm aus, zeigt gegen das Tor zur Strasse. „So so, nicht hier also, wo dann? Was hast du gemacht, als du den Mann angetroffen hast?“ – „Ich habe gespielt.“ – „Gespielt hast du. Wunderbar. Was hast du gespielt?“ – „Forscher. Mein Vater ist Forscher. Er geht immer in alte Häuser und sucht nach so Sachen.“ – „So Sachen?“ – „Scherben. Eisensachen. Vieles halt.“ – „Aha, und das hast du heute auch gemacht?“ Der Junge nickt. „Hast du etwas gefunden?“ Der Junge zögert.

„Du kannst es mir sagen, du kriegst auch etwas von mir, wenn du mir sagst, was du gefunden hast.“ Der Junge zögert weiter, stösst dann aber hervor: „Der Mann hat gesagt, ich dürfe niemandem sagen, was ich gefunden habe, sonst ...“ Er deutet auf den Herrn der Rache. In diesem Augenblick kommt Aruns Gefährte zurück und wirft ein grosses weisses Tuch über die Holzstatue. „So, jetzt haben wir ... den da ... eingefangen und gefesselt. Jetzt kann er dir nichts mehr antun. Siehst du? Jetzt kannst du ihn nicht mehr anschauen und hast deinen Kopf immer noch.“ Zum ersten Mal lächelt der Junge. Er beginnt wieder in der Nase zu bohren. „Jetzt hat mir ... der dort ... zugeflüstert, was du gefunden hast. Soll ich dir sagen, was du gefunden hast?“ Der Junge schaut ihn fragend an. „Solche Sachen, stimmts?“ Er deutet auf die zusammengetragenen Figuren. Der Junge nickt. „Hab ich’s mir doch gedacht. Weißt du noch, wo du gespielt hast?“ Der Junge nickt. Zufrieden streicht ihm Arun wieder übers Haar: „Weißt du was? Jetzt gehen wir alle zusammen wieder dorthin und forschen weiter. Du bist der Chefforscher. Na, was sagst du jetzt?“ Der Junge strahlt und zieht Arun an der Hand.

Gegenüber dem Eingangstor zum Hof mit den lagernden Holzstapeln der ‚Cauvery-Deluxe’-Schreinerei bleibt der Junge stehen und reisst die Hand hoch. Ein dunkel gekleideter Mann ist gerade herausgekommen und startet ein Motorrad. „Ist das der Mann?“ fragt Arun. Der Junge nickt. „Sehr gut“, sagt Arun und wendet sich an seine Gefährten, „Der Holzer-Clan, das würde passen. Es ist völlig klar, was der Kleine dort gesehen hat. Jetzt beginnt unsere Forschungsexpedition, wobei der Kleine hier bleibt. Ich gehe jetzt mit ... Bhaskar und Yezad hinein und schaue mich um. Ihr verteilt euch unauffällig, behaltet aber ständig den Eingang im Auge, damit ihr auf Zeichen von mir reagieren könnt.“ Zu dritt überqueren sie die Strasse und treten in den Hof. Der Lieferwagen mit der Aufschrift der Schreinerei steht neben einer der Werkstätten und erregt gleich ihre Aufmerksamkeit. „Bhaskar und ich lenken die Leute hier ab. Yezad, du versuchst herauszufinden, was dieser Lieferwagen geladen hat. Wenn da drin ist, was wir alle drei denken, gibst du uns ein Zeichen. Alles klar?“

Arun und Bhaskar klopfen an die Tür des Büros und treten ein. Kein Mensch ist anzutreffen. Also gehen sie zur Werkstatt. „Ist der Boss hier?“ fragt Arun einen der beiden mit einem Schrank beschäftigten Handwerker. „Keiner hier“, antwortet der eine, „der Seniorboss hat ein Meeting in irgendeinem Hotel, der Juniorboss ist eben für eine Stunde weg.“ – „Wir möchten über einen Grossauftrag reden. Wer ist hier zuständig, wenn die Bosse weg sind?“ – „Im Moment höchstens der Fahrer, der trinkt Tee dort hinten.“ Er zeigt durchs Fenster hindurch auf einen einsam im Schatten der Sägereihalle an einem Tisch sitzenden Mann. „Danke.“ „Na, mein Freund, gerade nichts zu tun?“ Mürrisch brummt der Fahrer: „Was kümmerts euch? Ihr scheint euch auch nicht gerade zu quälen.“ – „War nicht so gemeint, ich meinte einfach: Vielleicht könntest du uns deinen Lieferwagen ausleihen, für eine Stunde, ungefähr, wir müssten ...“ - „Kommt nicht in Frage, der Wagen ist beladen, die Ware muss noch heute Abend ausgeliefert werden.“ – „Die Ware? Bestimmt wunderschöne Möbel! Ihr seid ja berühmt für exzellente Ware. Deluxe-Produkte, nicht wahr? Dürfen wir die erlesenen Dinger mal sehen?“ Da braust der Fahrer auf und hebt drohend den Zeigefinger: „Wenn ihr nicht sofort verschwindet, rufe ich die ganze Belegschaft zusammen, kapiert! Haut schon ab!“ – „Schon gut, Meister, beruhige dich ... ach, da vorne ruft uns auch schon unser Freund.“

Arun hat bemerkt, dass Yezad den Lieferwagen bereits überprüft und die gesuchte Ware gefunden hat. Der emporgereckte Daumen spricht eine deutliche Sprache. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite versammelt er seine Männer wieder und gibt seine Anweisungen: „Wir erlauben uns ein kleines Spielchen mit den Kerlen, damit unser Hosenscheisserchen hier gebührend entschädigt wird. Ihr zwölf ...“ er bildet zählend eine Gruppe, „... holt den zweitgrössten Tempelwagen her. Er steht neben dem Südtor des Shivatempels. Damit blockiert ihr den Zugang zur Strasse, und schon ist die Falle zugeschnappt. Los, beeilt euch, in einer halben Stunde solltet ihr wieder hier sein. Ihr acht holt den Herrn der Rache und stellt ihn gleich davor hin. Du holst schon mal die Polizei. Bis die hier ist, dürfte zwar mindestens eine Stunde vergehen. Und du besorgst mir einen grossen Papierbogen und einen Filzstift, einen Marker oder so. Und Klebstreifen. ... Na, dann warten wir mal.“ Nach einer guten halben Stunde stellen die zwölf Männer den riesigen Tempelwagen genau vor den Eingang des Schreinerei-Areals. Sofort rennt der Fahrer herbei und beginnt zu schimpfen, doch Arun beschwichtigt ihn und sagt: „Höchstens für eine Stunde, beruhige dich, Meister, du musst je eh erst am Abend fahren. Na also.“

Der Fahrer schlurft wieder in den Hof zurück. Inzwischen ist auch der Herr der Rache eingetroffen und abgestellt. Kurz darauf kriegt Arun das verlangte Papier, Klebstreifen und einen schwarzen Marker. Seelen ruhig geht er in den Hof zum Fahrer und fragt: „Darf ich mich mal kurz an deinen Tisch setzen? Ich muss etwas schreiben. Danke.“ Der Fahrer brummt nur etwas, das wie ‚elendes Pack’ klingt. Den Papierbogen klebt Arun dann auf der Seite zum Eingang hin an den grossen Tempelwagen. „Alles weitere wird sich schon sehr bald geben. Warten wir da drüben auf der anderen Seite.“ Der Juniorchef der Schreinerei braust nach einer Viertelstunde heran, stellt sein Motorrad an die Hauswand neben dem Herrn der Rache. Sie sehen, wie er irritiert von der Strassenseite her die beiden Rathas betrachtet, zunehmend wütend wird, auf den Boden stampft, zum Eingang geht und hinter dem grossen Wagen verschwindet. Gleich darauf flitzt er wieder um die Ecke. Er hat das Papier in der Hand, scheint heftig zu fluchen und ballt die Fäuste. Dann knüllt er das Papier zusammen, schleudert es auf die Strasse und geht zurück in den Hof. „Er wird jetzt die ganze Belegschaft aufbieten und versuchen, die Rathas vom Eingang wegzubringen. Helfen wir ihm dabei?“ Er grinst. „Oh, da kommt ja schon die Polizei. Schon ausgeschlafen?“

Arun hebt das Papier von der Strasse auf und gibt es dem kleinen Jungen: „Hier, das kannst du behalten. Als Andenken an deinen Forschertag. Bring es deinem Vater. Ausserdem darfst du gleich auf dem grossen Wagen bis zum Tempel reiten. Diesen Schreibstift und das Klebeband darfst du auch behalten, so was braucht ein Forscher.“ Vor den beiden Rathas versammelt sich seine Gruppe. Arun setzt die drei Polizisten kurz ins Bild: „Ich bin überzeugt, dass der Seniorchef im Moment gerade in einem Hotel mit ausländischen Kunsthändlern Whisky trinkt und auf einen erfolgreichen Handel anstösst. Cheers und rülps!“ „Tja, dann wollen wir mal!“ sagt der Wachtmeister entschlossen. Bhaskar indessen hält Arun zurück: „Willst du uns nicht sagen, was du da hingekritzelt hast?“

„Na was wohl? Wenn du weiter junge Forscher belästigst, hackt dir der Herr der Rache den Kopf ab!“

-> back