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Nandi


Vor dem Städtchen steht inmitten einer gemauerten Platttform ein mächtiger Banyanbaum. Um den Stamm herum tummeln sich steinerne Dämonen, Kobolde, Nagas, Ganeshas und ein kunstvoll aus einem Granitblock gehauener Nandi. In seinem Schatten warten die drei Marktfrauen geduldig auf Kunden. Unbeugsam und dankbar für jedes noch so kleine Geschäft, wie seit vielen Jahren jeden Tag.
Heute, in der dritten Stunde nach Mittag, haben sie noch nicht das geringste verkauft. Den ganzen Tag über liess sich kaum ein Mensch blicken. Die wenigen, die auftauchten, hetzten ins Städtchen hinein oder von da heraus. Keiner liess sich von den Auslagen verlocken und aufhalten.
Usha sitzt vor dem dichten Gewirr der Luftwurzeln auf einem Schemel und hält Räucherstäbchen, Bidis und Tabak feil. Zwischen den zusammengepressten Lippen steckt ein erloschenes Bidi.
Mira kauert gleich daneben auf einem Jutesack und reibt mit dem Zipfel ihres Saris von Zeit zu Zeit eine Mandarine oder eine süsse Zitrone ab.
Jayamma lehnt schräg gegenüber am Sockel des Nandi. Ab und zu taucht sie die hohle Hand in eine angerostete, mit Wasser gefüllte Milchpulverbüchse und besprenkelt ihre dunkelgelben und roten Blumen.
Die drei Marktfrauen kämpfen wacker gegen Schlaf, Missmut und Langeweile, reiben sich regelmässig den Nacken, stampfen mit den Füssen oder rufen einander belanglose Worte zu. „Der Rauch in meinen Bidis kriegt Atemnot!“ oder „Die Mandarinen schrumpeln wie die Eier des Bürgermeisters!“ oder etwa „Gleich mach ich mir ein Blumenbett!“
So wird es langsam Abend, und die enttäuschten Frauen denken daran, ihre Waren einzupacken und nach Hause zu gehen. Noch ein letztes Mal für heute versuchen sie Kunden anzulocken: „Bidis, würzige Bidis, wohlriechende Räucherstäbchen!“ und „Frische Früchte, süsse Mandarinen, saftige Zitronen!“ und „Wunderschöne Blumen, Blüten, rot wie die Abendsonne, gelb wie die heilige Butter im Tempel der grossen Devi!“ Ihre Stimmen klingen schon etwas heiser.
Kein Mensch lässt sich blicken ... doch ... an der Ecke des Shiva-Schreins neben der Bus-Haltestelle erscheint ein magerer Körper. Ein alter Mann mit Bart und langen, verfilzten Haaren zupft seinen Lendenschurz zurecht und blickt blinzelnd in die Runde. Nachdem er ausgiebig gerotzt und in den Staub gespuckt hat, schlurft er gemächlich aber geradewegs auf Usha zu.
„Sei gegrüsst, Schwester“, krächzt er sie an, „und gib einem heiligen Mann ein Bidi. Shiva möge dein offenes Herz mit dem Hauch seines Atems füllen.“ Dabei führt er die Fingerspitzen der rechten Hand an seine Stirn, den Mund und die Brust.
„Und dein offenes Maul und die Lunge kostenlos mit dem Rauch meiner Bidis“, höhnt Usha, „auf meine Kosten natürlich. Was will denn ein Asket mit einem Bidi? Du hast doch allen irdischen Lüsten und Genüssen entsagt.“
Mit einem würdevollen Neigen des Kopfes erwidert der Alte: „Es hilft mir in der Meditation, in der Betrachtung der universellen Wirklichkeit, im Erfahren der Wahrheit, des Einen in Allem. Der Rauch macht mir bewusst, wie flüchtig alles ist. Durch den Rauch erkenne ich, dass alles in Wirklichkeit Täuschung ist. Maya.“
„Soso“, meint Usha, nicht sonderlich beeindruckt, „dann geh davon aus, dass meine Bidis hier nur eine Täuschung sind, ein Zerrbild, eine Illusion. Gute Reise!“
„Aber Schwester, sei nicht so hart. Ich bin arm und alt.“ Bei diesen Worten scheinen sich seine wässrigen Augen vollends zu verflüssigen.
„Na gut“, seufzt Usha und streckt ihm ein Päcklein Bidis hin, „nimm das und geh in Frieden.“
Der Alte berührt wieder Stirne, Mund und Brust, murmelt etwas und geht dann zu Mira. Wieder macht er die gleichen Gesten. „Sei gegrüsst, Schwester, gib einem heiligen Mann eine Mandarine. Shiva möge dein offenes Herz mit dem Nektar der Unsterblichkeit füllen.“
„Aha“, meint Mira mit spitzer Stimme, „eigentlich aber dein offenes Maul und deinen Magen mit dem Fleisch und dem Saft meiner Früchte. Und du willst dafür nichts zahlen. Was soll ein Asket, der Härte gegen seinen Körper gelobt hat, mit Mandarinen und Zitronen beginnen?“
Mit einer Geste der Nachsicht oder auch Gnade sagt der Alte: „Durch die Schalen erkenne ich, dass die Wirklichkeit nur verhüllt ist. Durch die Kerne wird mit bewusst, dass die Wahrheit des Lebens hinter harten Schichten und verführerischer Süsse schlummert.“
„Jaja, dann geh mal Schalen und Kerne sammeln. Vielleicht haben die Kühe was ausgespuckt.“
„Aber Schwester, erbarme dich eines alten Mannes!“
„Ich will ja nicht so sein“, seufzt auch Mira und reicht ihm eine Mandarine, nun stärke dich für deinen langen Weg.“
Nachdem er sich auch diesmal bedankt hat, wendet er sich an Jayamma: „Sei gegrüsst, Schwester, gib einem heiligen Mann ein Blumensträusschen. Shiva möge dich und dein offenes Herz mit dem Blütenstaub aus den Girlanden der himmlischen Tänzerinnen bestreuen.“
„Mhm“, grummelt Jayamma naserümpfend, „in Tat und Wahrheit aber deine staubigen und stinkenden Strähnen mit dem Duft und den Farben meiner Blumen bedecken. Und ich trage die Kosten. Wozu schmückt sich ein Asket, dem Duft und Farben nichts als Trug und Gaukelei sind, mit Blumen und Blüten?“
Für einen kurzen Moment schliesst der Alte die Augen. „Die Blumen in meinem Haar werden welken. Dadurch, liebe Schwester, erlebe ich den Verfall alles Diesseitigen und erfahre die eine Wahrheit, dass Tod und Leben eins sind, das Schönste zugleich das Hässlichste, Schmerz auch Lust ...“
„Dann rate ich dir, dich auf ein paar Disteln zu setzen!“
„Aber Schwester, übe Nachsicht mit einem der Niedrigsten unter der Sonne.“
„Schon gut, meine Blumen werden morgen ohnehin nicht mehr zu verkaufen sein.“
Mit einem Bidi im Mundwinkel, der Mandarine in der einen und dem Sträusschen in der anderen Hand geht der Alte zur Landstrasse, dem Sonnenuntergang entgegen.
Die drei Marktfrauen schauen ihm lange nach, packen dann ihre Sachen zusammen und treffen sich beim steinernen Nandi.
„Na, was hat euch der heilige Mann gelehrt?“
Usha macht eine wegwerfende Handbewegung: „Ach, er hat mir klar gemacht, dass ich mich bald in Rauch und Asche auflöse, wenn ich alles verschenke.“
Mira fährt sich mit den Händen übers Gesicht: „Er lehrte mich, dass ich rasch verfaule, wenn ich jedem Schnorrer etwas gebe.“
Jayamma macht eine heftige Kopfbewegung. Der leicht angegraute Zopf schwingt über ihre Schulter: „Mir hat er bewusst gemacht, dass ich rasch welke, wenn ich keine Blumen verkaufe.“
Nach diesen Worten starren sie für einige Augenblicke in die tief liegende, rote Sonne. Dann brechen sie gleichzeitig in herzhaftes Lachen aus.
„Offene Herzen, offene Mäuler!“ sagt Mira und gibt beiden Gefährtinnen eine Mandarine, „Auf die Askese, vor und nach dem Essen!“
„Räuchern wir die Illusionen in unseren Hirnen aus!“ sagt Usha und verteilt ein paar Bidis.
„Trotzen wir allen Verächtern der Schönheit, schmücken wir uns!“ meint schliesslich Jayamma und reicht den anderen die schönsten Blumen.
Nachdem sie die Bidis geraucht und die Mandarinen gegessen haben, legen sie die Stummel, die Schalen und Kerne vor den Sockel des steinernen Nandi. „Legen wir noch einige Blumen dazu“, scherzen sie, „dann wird Nandi zur lebendigen Wirklichkeit, erwacht und folgt dem alten Sack von vorhin. Der bringt es fertig und überredet Nandi dazu, sein Reittier zu werden!“
Kichernd nehmen sie ihre Packen auf und treten den Heimweg an. Da kommt von der anderen Seite her ein Bauer auf den Banyanbaum zu. An einem Seil zieht er einen stattlichen Bullen mit sich. Vor dem Nandi verbeugt er sich, berührt dessen Stirne, dann seine eigene, murmelt etwas. Derweil drängt sich der Bulle heran und beginnt die Mandarinenschalen, die Blumen und die Bidistummel zu fressen. Schliesslich schleckt er noch die Mandarinenkerne aus den Vertiefungen des Gemäuers vor dem Sockel.
Die drei Marktfrauen sind entzückt: „Die lebendige Wirklichkeit!“ - „Der wahre Nandi!“ – „Der leblose Stein entlarvt sich als Illusion!“
Kaum haben sie das gesagt, hebt der Bulle seinen Schwanz etwas an und platziert einen braunen Fladen genau an die Stelle, an der die drei Marktfrauen eben noch standen. Die Fliegen lassen keine Sekunde auf sich warten.

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